Tage im Ferganatal, Usbekistan

Es waren, es sind Tage der besonderen Begegnungen. Da ist der 86-jährige Mann, der in aller Ruhe am Rosinenstand auf dem Basar von Fergana die verschiedenen Angebote testet, bevor er sich für eine größere Menge entscheidet. Seit 66 Jahren lebe er, der eigentlich Tadschike sei, in Fergana. Und seit dem komme er regelmäßig zu diesem Markt.

Es ist ein reiner Lebensmittelmarkt. Gemüse, Obst, Eier und Milchprodukte dominieren. Fisch sowie Fleisch dagegen werden nur wenig verkauft. 6000 Händler kommen täglich. Die meisten sind Bauern aus der Region. Aber es sind auch die da, die Geerntetes aus dem eigenen Garten feilbieten. Sonntags ist der wichtigste Tag, dann sollen es an die 10.000 Verkäufer sein.

Heute war auch sie da, Ludmilla. Sie sieht mich mit der Kamera, tanzt im wahrsten Sinne des Wortes mit ihren 78 Jahren auf mich zu. Nicht, weil sie etwa auch gefilmt werden will. Nein, sie hat einfach Freude an den Fremden. Eine Ballerina war sie einst, sechs Kinder hat sie großgezogen. Nun steht sie neben mir in gespannter Körperhaltung. Hakt sich bei mir unter. Grazil ihr Stil, als ob gleich noch einmal das Ballett des Lebens beginnen würde.

Eine andere Stadt, nur ein paar Autominuten entfernt. Margilan, so der Name, wird als das Zentrum der Seidenproduktion in Zentralasien bezeichnet. Große Fabriken mit mehr als 2000 Mitarbeitern gibt es, die Seidenstoffe quasi am Fließband herstellen. Doch eine kleine Manufaktur existiert noch, die sich dem gesamten Prozess verschrieben hat. Also von der Raupenaufzucht bis hin zur Weberei. Nazira arbeitet in einem besonderen Raum, der mir zu heiß (50°C ) und feucht ist (nahezu 100% Luftfeuchtigkeit). Sie sitzt schon seit 30 Jahren vor dem großen Kessel. Sechs Tage die Woche, immer von 8 bis 17 Uhr fischt sie die dünnen Seidenfäden mit einem Stock aus dem kochenden Wasser, entlockt sie den Kokons. Klagen wird man sie nicht hören, Ludmilla erträgt die Umstände mit einer großen Würde. Noch zwei Jahre, dann hört sie auf und bekommt eine gute Rente. Das ist in diesem Land keine Selbstverständlichkeit.