Sammeln unter Lebensgefahr

Rund sechs Kilometer nördlich von Sary Mogol wird Steinkohle im abgebaut. Bagger graben eine immer tiefere Schlucht, um ein gewaltiges Flöz abzutragen. Gute Qualität wird auf LKWs direkt in die Nachbarstaaten China sowie Tadschikistan und in die kirgisische Großstadt Osch abtransportiert.

Mindere Qualität wird noch an Ort und Stelle weiterverarbeitet. Allerdings nicht in einer wie auch immer automatisierten Sortieranlage. Per Hand wird das Gestein gesiebt und die brauchbaren Brocken auf kleine Transporter verladen.

Anderes Gestein und all das, was als unbrauchbar abgeschrieben ist, wird auf einer großen Abraumhalde transportiert. Was als ein normaler Vorgang in unseren Augen erscheint, erweist sich auf den zweiten Blick fast unvorstellbar. Nicht das Abkippen oben auf der Halde, sondern das, was sich darunter abspielt. Rund 40 Menschen aus der Region um Sary Mogul sind hier täglich in den Hängen der Halde unterwegs, um in dem aussortierten Rest doch noch ein paar brauchbare Klumpen Steinkohle zu finden. Bis zu 100 Mal pro Tag entladen sich die Kipper, ein jedes Mal bedeutet das akute Lebensgefahr für die Sammler.

Nicht jeder Tag ist für die Sammler von Erfolg gekrönt. Einige durchkämmen die Hänge gleichmütig und ohne Unterlass, immer in der Hoffnung, einen kleinen Brocken Steinkohle zu finden. Andere warten auf den einen Kipper, der nicht nur scheinbar unbrauchbares Gestein abwirft. Ihr einziger Trost, jetzt so kurz vor dem Winter können sie mehr Geld verlangen. Verkaufen sie den Sack im Sommer für umgerechnet 2,50 Euro, so bekommen sie nun 4,10 Euro.

Aber oftmals verkaufen sie auch keinen einzigen Sack, sondern behalten diese für sich. Die Winter dauern in Sary Mogol rund sieben Monate, die Temperaturen sinken bis auf minus 40 Grad ab. Holz zum Heizen gibt es nicht, Gas ist extrem teuer, Strom auch. Da ist jeder Brocken Steinkohle sehr wertvoll.

Über Unfälle bei der Arbeit reden sie nicht gerne. Todesfälle werden verdrängt. Gearbeitet wird von morgens 6 Uhr bis zum Eintritt der Dunkelheit. Es sind viele Frauen unter den Sammlern, auch Kinder.