Ein Erdbeben zum Abschied & Gedanken über Nepal

Kurz vor Mitternacht hat die Erde in Kathmandu gewackelt. Zum Glück sind keine größeren Schäden entstanden und vor allem keine Menschen zu Schaden gekommen.
Für mich heißt es heute Abschied vom indischen Subkontinent zu nehmen. Nächste Station ist Yangon in Myanmar. Leider ist es derzeit noch  nicht möglich, mit dem Auto auf dem Landweg einzureisen. Also dann via Luftweg.
Was bleibt sind gewaltige Eindrücke von Nepal. Von einem Land, welches wir von Europa aus meist nur über seine hohen Berge und die vielen Tempel definieren. Einiges davon haben wir gesehen (der Monsun hat jedoch freie Blicke auf die Himalayagipfel meistens  verhindert…). Aber mich haben viel mehr die Begegnungen mit den Menschen weit ab der ausgetrampelten Touristenpfade in den Bann gezogen. Nepal größtes Problem ist, dass in weiten Teilen des Landes keine Infrastruktur existiert.

Rund 80% der Bevölkerung haben keinen Strom. Selbst in der Hauptstadt Kathmandu  bricht die Stromversorgung regelmäßig zusammen. Durchgehend Energie hat nur, wer sich einen Generator leisten kann. Ansonsten bleiben alle elektrischen Geräte täglich für  mindestens vier Stunden zwangsweise still.Nepal könnte sich selbst mit Hydropower versorgen. Doch die vorhandenen Wasserkraftwerke arbeiten nicht effektiv, für neue Anlagen fehlt das Geld. Zu allem Überfluss wird der vorhandene Strom vom Staat in großen Mengen nach Indien verkauft  – um ihn für den heimischen Markt wesentlich teurer von dort wieder zu reimportieren. Der gewaltige Staatsaparat erhält so zwar üppige Einnahmen, die er für seine Finanzierung dringend bedarf. Doch für den privaten Endkunden ist das eine enorme Belastung.
Straßen sind, wenn überhaupt vorhanden, in einem schlechten Zustand (einmal haben wir für 40 km vier Stunden benötigt). Das Bildungssystem ist mangelhaft; die medizinische Versorgung oftmals überhaupt nicht existent. Trinkwasser ist ein rares Gut. Touristen bekommen von all dem nur wenig mit. Entlang der wichtigsten Trekking- und Kulturrouten ist die Lage wesentlich besser. Dank der Einnahmen aus dem Tourismusgeschäft  sowie vieler Spenden der Gäste.
Aber in über 90% des Landes haben Fremde noch nie einen Blick geworfen. Das gilt übrigens auch für Regierungsbeamte aus dem zentralistisch organisierten Staatswesen, welches seinen Sitz in Kathmandu hat. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich die Lage in diesen abgelegenen Tälern und Dörfern vorzustellen.
Wir haben bewußt die bekannten Wege verlassen. Waren in Dörfern wie Ridi und Bachauli. Wollten wissen, wie dort das Alltagsleben aussieht.
Menschen wie Basanta und Sher (siehe vorherige Blogeinträge und das Videotagebuch 6), die sich privat für soziale Zwecke einsetzen, sind rar.
In Nepal ist es so wie nahezu überall auf der Welt. Wer wirtschaftlich auf dem aufsteigenden Ast Platz nimmt, vergisst oftmals schell, wo die Würzeln sind. Erfolgreiche Nepali zieht es in die großen Städte Kathmandu und Pokhara. Das Leben in Dörfer wie Ridi und Bachauli ist dann sehr weit weg; gerät in Vergessenheit, wird verdrängt.