Vor der Straße ist nach der Straße

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Samantha M. Günther Seit der Stadt Aktöbe liegen knapp 800 Kilometer Autofahrt hinter uns. Der erste Streckenabschnitt auf der Straße M 32 ist gut befahrbar und ähnelt der deutschen Autobahnqualität. Nur die Kulisse ist hier anders.

Ich sehe wenige Bäume, ausgetrockene Seen, kaum wahrnehmbare Kurven der Straße und der Verkehr hält sich ebenso in Grenzen. Ich werde müde durch die monotone Landschaft. Aber besser so, als die zwischenzeitliche Umleitung von der Straße A22 aus, die entlang der Grenze zu Russland führt. Rund 100 Kilometer hält die Umleitung über holprige und staubige Erdpisten an. Nach neun Stunden reiner Fahrtzeit erreichen wir dann endlich unsere Unterkunft in Kostonai.

Von hier aus eine Stunde entfernt wohnt Anuar Razmanov mit seiner Familie. Seit einem dreiviertel Jahr stehe ich mit Anuar über die russischen Plattform Odnoklassniki im Kontakt. Von meinem ehemaligen Kommilitonen, der selbst aus Kasachstan kommt, hatte ich Anuars Kontakt erhalten. Umso spannender ist es, ihn jetzt endlich persönlich kennenzulernen. Zwei Drehtage sind mit ihm geplant.

Die Zeit mit Anuar vergeht schneller als gedacht. Der 24 Jährige zeigt uns, wo und wie er lebt. Erzählt uns von seiner Arbeit bei einer Bank und stellt uns seine Familie vor. Thomas, unser Übersetzer Vitaly und ich werden von seinen Eltern zum Pelmeni essen und Tschai trinken eingeladen. Zwei Stunden dürfen wir in ihrem gemeinsamen Zuhause bleiben. Zwei Stunden, in der ich viel Herzlichkeit erfahren darf. Am liebsten hätte mich wohl der Vater Kasym, als seine Schwiegertochter da behalten. Kasym ist 64 Jahre alt und seit einem Jahr in Rente. Er drückt mir sein Telefon in meiner Hand, sein deutscher Freund aus Neu-Ulm ist am Hörer. Guten Abend, soll ich sagen! „Guten Abend“. Kasym lacht. Aufmerksam gießt uns währenddessen die Mutter Scholpan köstlichen Tee mit Milch nach. Ich genieße den freundlichen Empfang und schließe die Familie schnell in mein Herzen! Am nächsten Tag zeigt uns Vater Kasym sein ehemaliges Büro. Mit einem Kuss auf meiner Wange verabschiedet er sich herzlich von mir und sagt, dass ich bald wieder kommen soll. Wir fahren weiter zu dem Krankenhaus, in dem Anuars Mutter Scholpan arbeitet. Seit zwei Jahren ist sie hier angestellt und führt medizinische Moorbehandlungen gegen Gelenkschmerzen durch. Während Thomas Aufnahmen von ihr bei der Arbeit macht, wechsel ich ein paar Worte mit Anuar. Leider beherrsche ich nicht mehr so gut Russisch und er kein Englisch. Aber verständigen können wir uns trotzdem irgendwie. Am Ende läuft es auch auf Fußball hinaus. Ich frage ihn, ob er den BVB kennt. Er schmunzelt, na klar! Aber sein Lieblingsverein ist der FC Zenit St. Petersburg.  Dann kommen wir zum Thema Familie. Ich habe großen Respekt gegenüber Anuar, dass er seine Familie in einem so hohen Maß unterstützt und wertschätzt, wie es manch einer heutzutage längst nicht mehr macht. Er ist vor allem stolz auf seine Eltern und das sehe ich ihn auch an! Es gehört einfach zur kasachischen Tradition, dass er sich, als Jüngster in der Familie um sie kümmert. An dieser Stelle noch einmal ein großer Dank an die Familie Ramazanov!

Zu schnell ist die Zeit in Rudniy vergangen. Morgen folgen die nächsten 460 km Asphalt…
Samantha M. Günther ist Assistentin dieser Filmproduktion und wird an dieser Stelle neben dem Filmemacher Thomas Junker von ihren Erlebnissen und Eindrücken während der Dreharbeiten berichten.